Der „jüdische Bolschewik“ – Genese, Kontinuität und Wandel eines Feindbildes
Mittwoch, 22. Januar 2020, 18:00 Uhr - 20:00 Uhr

Der „jüdische Bolschewik“ – Genese, Kontinuität und Wandel eines Feindbildes

Vortrag von Victor Sherazee

Dass es dem Nazifaschismus „gelungen“ sei, die antikapitalistischen Affekte der Massen auf den Juden (beziehungsweise auf das jüdische, „raffende“ Kapital) umzulenken, ist zu einer Art Standarderklärung für die Judenverfolgung geworden. Das Feindbild des „jüdischen Bolschewiken“ als integrativen Bestandteil der NS-Ideologie fand jedoch bisher relativ wenig Beachtung – das gilt auch für Kreise, die sich sonst kritisch mit Antisemitismus auseinandersetzen.

Der Referent Victor Sherazee wird daher die Entstehung dieser toxischen Verquickung des Antisemitismus mit dem Antikommunismus im bürgerlichen Denken des 19. Jahrhunderts nachzeichnen. Insbesondere wird auf den deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche einzugehen sein, der in gewisser Weise den archetypischen Vertreter eines bürgerlich-elitistischen Antisemitismus darstellt. Nietzsche war nämlich ein Verteidiger der Juden im deutschen Kaiserreich, sofern diese als „Kapitalisten“ attackiert wurden, aber ein vehementer Kritiker der Juden, sofern diese für ihn den Typus des sozialistischen Anführers von Sklavenaufständen verkörperten und die besitzlosen Massen zur Revolution aufstachelten. Diese Massenverachtung und die Identifikation der „Masse“ als jüdisch ist ein wesentliches Ideologem, das der Nazifaschismus später von Nietzsche übernehmen sollte.

Zur vollen Ausreifung kam der Mythos vom „Judäo-Bolschewismus“ allerdings nicht in Deutschland, sondern in Russland. Aufgrund besonderer gesellschaftlicher Rahmenbedingungen – wie etwa dem Fehlen einer napoleonischen Judenemanzipation – war der Antisemitismus dort besonders krass ausgeprägt. In Wechselbeziehung zwischen zaristischer Bürokratie, christlich-orthodoxen Religionsphilosophen und rechtsradikalen Parteien (den sogenannten „Schwarzhunderten“) entstand eine besonders hässliche antisemitische Melange, bei der alle Erscheinungsformen der Moderne zu Machenschaften einer jüdischen Weltverschwörung erklärt wurden. Durch die Oktoberrevolution 1917 wurden diese verstreuten antisemitischen Vorstellungen in der Figur des „jüdischen Bolschewiken“ zusammengeführt.

Auch in der Nachkriegszeit verschwand dieses Feindbild keinesfalls, sondern fand etwa im Zuge des Historikerstreits in den 1980er Jahren eine erneute Aktualisierung. So interpretierte Ernst Nolte den Holocaust in gewisser Weise als einen Notbehelf gegen die sowjetische Bedrohung mit Verweis auf eine angeblich überdurchschnittlich starke Beteiligung von Juden an der bolschewistischen Oktoberrevolution. Das aktuellste Beispiel für das Wiederaufleben dieses antisemitischen Stereotyps ist die Vorstellung vom „Kulturmarxismus“, bei der Feminismus und Multikulturalismus als Resultat des verschwörerischen Wirkens marxistischer Intellektueller gedeutet werden.

Die Veranstaltung ist Teil der Vortragsreihe „Antisemitismus im 20. und 21. Jahrhundert“, die von der AStA-Projektstelle „Antisemitismus bekämpfen“ organisiert wird.

Ort Orléans-Ring 12, SRZ 19