Schwule Patrioten und queere Jihadisten. Jasbir Puars Begriff „Homonationalismus“
Nina Rabuza
Di., 6.6. um 18:30 Uhr im Hörsaal JO 1 (Johannisstraße 4)

Seit den 1990er Jahren ist in den USA und auch in Deutschland eine wachsende Akzeptanz sexueller Vielfalt zu beobachten, die sich beispielsweise in der Verbesserung der rechtlichen Situation von Schwulen und Lesben zeigt. Die gesellschaftliche Liberalisierung steht zugleich in der Kritik – stellen sich LGBTs nach Jahren des Kampfes um Anerkennung nun in den Dienst westlicher Staaten, um deren Image als Hüter von Menschenrechten und liberaler Freiheiten herzustellen? Ist die staats- und gesellschaftskritische Haltung einer neuen Komplizenschaft mit dem Staat gewichen, die staatlichen und gesellschaftlichen Rassismus rechtfertigt? Die amerikanische queer-Theoretikern Jasbir Puar versucht anhand des Begriffs Homonationalismus die Verbindungen zwischen Nation, Sexualität und Identität zu ergründen: waren ehemals v.a. schwule Männer aus der amerikanischen Nation ausgeschlossen, so seien sie heute Teil des amerikanischen Mainstreams. Dafür werden neue Ausschlüsse produziert, die v.a. Muslime und Muslima treffen würden. Nina Rabuza setzt sich in ihrem Vortrag mit dem Begriff Homonationalismus auseinander und versucht zu zeigen, dass Puar die Komplexität der gesellschaftlichen Realität nicht fassen kann. Statt die Spannungen und Probleme, die sich anhand der Situation von LGBTs zeigen, zu analysieren, führt der Begriff Homonationalismus in eine Sackgasse, in der jedes Sprechen über Schwulenfeindschaft immer schon Teil eines rassistischen Diskurses ist.


Die postmoderne Querfront – Zur Kritik des Linkspopulismus am Beispiel seiner VordenkerInnen Chantal Mouffe und Ernesto Laclau
Ingo Elbe
Di., 13.6. um 18:30 Uhr im Hörsaal F4 (Fürstenberghaus)

Chantal Mouffes Begriff des Politischen und ihre zusammen mit Ernesto Laclau erarbeitete ‚postmarxistische‘ Theorie des Populismus sind in aller Munde. Linkspopulistische Bewegungen wie Syriza oder Podemos betrachten Laclau und Mouffe gar als VordenkerInnen. Der Vortrag stellt ihren in weiten Teilen der Linken akzeptierten Erklärungsansatz für den Aufstieg des Rechtspopulismus und ihre linkspopulistische Gegenstrategie dar. Es wird gezeigt, dass sowohl die politikwissenschaftliche Diagnose als auch die Strategievorschläge von einer irrationalistischen Gesellschaftstheorie abhängig sind, die Laclau/Mouffe weitgehend den Abhandlungen des faschistischen Rechtsphilosophen Carl Schmitt entnehmen. Unter anderem mit Rekurs auf Laclau/Mouffe bildet sich derzeit weltweit auf akademischer und politischer Ebene eine ideologische Querfront, eine „productive convergence of the far Right and the far Left“, wie es eine amerikanische Philosophin mit begeisterter Zustimmung ausdrückt. Akteure, Elemente und Argumentationsstrategien dieser Querfront werden im Vortrag kritisch diskutiert.


Beißreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten. Vortrag und Buchvorstellung
Patsy l‘Amour laLove
Di., 20.6. um 18:30 Uhr im Hörsaal JO 1 (Johannisstraße 4)


Queer steht für eine selbstbewusst perverse Entgegnung auf den heterosexuellen Wahnsinn und der Feindseligkeit gegen das Anderssein. Queerer Aktivismus wurde in Zeiten von AIDS als Selbstbehauptung verstanden: Die Perversen und Unangepassten – Schwule, Lesben und Transmenschen – kümmerten sich umeinander und kämpften gemeinsam. Die Queer Theory der 1990er Jahre griff ihre Kritik mit emanzipatorischer Zielsetzung wissenschaftlich auf.
Queer hat in den vergangenen Jahren eine bedeutsame Veränderung erfahren. Queerer Aktivismus operiert häufig mit Konzepten wie „Critical Whiteness“, „Homonormativität“ und „kulturelle Aneignung“. Ein Kampfbegriff lautet „Privilegien“ und wittert hinter jedem gesellschaftlichen Fortschritt den Verrat emanzipatorischer Ideale. Oft erweckt dieser Aktivismus den Anschein einer dogmatischen Polit-Sekte. Das Ziel ist nicht selten die Zerstörung des sozialen Lebens der Angegriffenen.
Mit einem Vortrag stellt Patsy l‘Amour laLove den von ihr herausgegebenen Sammelband „Beißreflexe“, der im März 2017 im Querverlag erschien, vor und zur Diskussion.


Kritik an der Kritik: „Kulturelle Aneignung“
Marco Ebert
Do., 6.7. um 18:30 Uhr im Hörsaal JO 1 (Johannisstraße 4)

Kulturelle Aneignung – der (nicht mehr ganz so neue) Schrei der queer theory und Praxis. Und Schrei ist an dieser Stelle ganz wörtlich zu nehmen, denn Kritik an Kultureller Aneignung bedeutet vor allen Dingen eins: viel lautstarke Empörung und wenig Gesellschaftskritik. Dennoch meinen die Anhänger_innen genau diese zu betreiben. Ethnische Segregation und der Respekt vor religiösen Gesetzen und patriarchalen Traditionen sollen als emanzipatorisches und antirassistisches Gegenmittel, zu der angeblich aller Orten von Weißen betriebenen Kulturellen Aneignung, verkauft werden. An der Debatte um Kulturelle Aneignung lässt sich musterhaft nachvollziehen, wie eine Kritik, die antrat unsere strukturell rassistische Gesellschaft zu kritisieren und zu verändern, in ihr genaues Gegenteil umschlägt.
Wieso die Bejahung von patriarchalen Elementen in subalternen Kulturen nicht alternativlos ist im Kampf gegen Rassismus, weshalb die Durchsetzung von Definitionsmacht und Eigentumsrechte für die Opfer selbst noch keine Kritik am Rassismus darstellt und warum das Festhalten am bürgerlichen Universalismus und dem Individuum fernab von autoritären und kollektivistischen Vorstellungen die Notwendigkeit für wirkliche Emanzipation ist – all das und noch mehr soll an diesem Abend besprochen werden. Ziel des Vortrags ist es, den Inhalt der Kritik an Kultureller Aneignung und insbesondere jenes Umschlagen ins Gegenteil nachzuvollziehen.


Akademischer Antisemitismus im Westen – Faktoren für den Erfolg der BDS-Bewegung
Felix Riedel
Do., 13.7. um 18:30 Uhr im Hörsaal JO 1 (Johannisstraße 4)

Antisemitismus lässt sich nicht als der „Sozialismus der dummen Kerls“ (Bebel) fassen. Die Bücherverbrennungen, die Wiederbelebung und Radikalisierung des „wissenschaftlichen Rassismus“ waren Produkt einer nationalsozialistischen Studentenbewegung und ihrer Denker. Nach dem Nationalsozialismus lässt sich ein Formenwandel des klassischen Antisemitismus zum Antizionismus beobachten. Dieser Formenwandel bedurfte intensiver intellektueller Zuarbeit, um Medienfälschungen und Ideologeme entsprechend zu tarnen und im akademischen Betrieb zu verankern. Mit der BDS-Bewegung ist dieser akademische Antisemitismus ausgereift. Er vermag vor allem im linksintellektuellen Umfeld und dort in bestimmten Fächern Mehrheiten zu finden. Die Ursachen sind weniger Unbildung oder Halbbildung als vielmehr ein durch Aufklärung vermittelter globaler Aktionsdruck, der sich dann am schwächsten globalen Objekt abreagiert. Angesichts der übermächtigen Verhältnisse sucht sich der politisierte Anspruch, die Welt zu verändern, ein Opfer, an dem Selbstwirksamkeit kollektivbildend erfahren werden kann. An Beispielen der American Association of Anthropology (AAA), der amerikanischen „National Womens Studies Association“, an deutschen palästinensischen Studierendengruppen und etablierten Instituten werden Strategien und Bedingungen des akademischen Antisemitismus heute dargestellt. BDS stellt sich dabei nur als eine aktuell verdichtete Avantgarde eines breiten intellektualisierten Antisemitismus heraus, die nicht nur auf Israel, sondern auf das freie Denken überhaupt zielt.


Alle Vorträge sind öffentlich und beginnen um 18:30 Uhr. Ein Eintrittsgeld wird nicht erhoben.

Die Projektstelle Ideologiekritik ist unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! zu erreichen.

Die Veranstaltungen zur Ideologiekritik sind auch bei Facebook zu finden: https://www.facebook.com/Veranstaltungen-zur-Ideologiekritik-1540664229484510/?ref=aymt_homepage_panel