Ethnopluralismus und ‚differenzialistischer‘ Rassismus
Prof. Dr. Karin Priester
Mo., 18.12.2017 F2


Übergriffe auf Menschen mit anderem Aussehen und anderer kultureller Herkunft sind im Alltag nach wie vor präsent. Auf dem Arbeits- oder Wohnungsmarkt werden sie nach wie vor diskriminiert. Nach 1945 können sich Rassisten aber nicht mehr auf offen verkündete Rassedoktrinen berufen. Im Gegenteil: Seit den 1970er Jahren versucht die Neue Rechte, sich vom biologischen Rassismus zu distanzieren. Ethnopluralismus lautet der zentrale Begriff, mit dem sie zur Anerkennung von Differenz in einem „Pluriversum“ unterschiedlicher Ethnien aufruft. Im Zentrum des Vortrags stehen das Verhältnis von Kultur und Natur sowie die neurechte Bestimmung von ethnischer Identität. Was zunächst wie eine Abkehr vom Rassismus erscheint, erweist sich jedoch als Legitimation von ethnischen Separatismus im Weltmaßstab.

 


‚Politische Ontologie der Rasse’ vs. Kritik der politischen Ökonomie
Marlon Lieber
Mi., 10.01.2018 JO1


Ingo Elbe beendet seine umfassende Untersuchung der bundesdeutschen „neuen Marx-Lektüre“ mit dem Vorschlag, dass die Rekonstruktion und Reinterpretation der Marx’schen Kritik der politischen Ökonomie u.a. an Peter Schmitt-Egners 1978 veröffentlichtem Aufsatz „Wertgesetz und Rassismus: Zur begrifflichen Genesis kolonialer und faschistischer Bewußtseinsformen“ anschließen solle. Eben dies möchte dieser Vortrag versuchen, indem gefragt wird, ob Das Kapital – und insbesondere dessen 23. Kapitel – nicht den Schlüssel zu einer möglichen Aktualisierung der Thesen Schmitt-Egners bietet. Eine zentrale These seines Aufsatzes war, dass die Gewaltverhältnisse in den Kolonien als immer schon durch den kapitalistischen Weltmarkt vermittelt gedacht werden müssen – anstatt wie Frantz Fanon dort bloß ein unmittelbares Gewaltverhältnis vorzufinden. An Fanon anschließend argumentieren heutzutage sogenannte „Afro-Pessimists“ (eine Gruppe von meist amerikanischen Theoretiker*innen um Frank Wilderson), dass die Moderne (ontologisch) durch „anti-Blackness“ strukturiert sei. Letztere wird dann, wie bei Fanon, als unmittelbares Herrschaftsverhältnis (v)erkannt. Die Wende zur politischen Ontologie geht hier einher mit einer Abkehr von der Beschäftigung mit der politischen Ökonomie; das sozialistische Projekt wird letztlich auf eine „weiße“ (oder präziser: nicht-schwarze) Angelegenheit reduziert. Eine Relektüre des Kapital kann m.E. jedoch jenseits der Ontologisierung von Kategorien der „Rasse“ mehr zum Verständnis des Rassismus – wenn auch notwendigerweise nur auf einer relativ abstrakten, formanalytischen Ebene – beitragen, als es Marx häufig zuerkannt wird, ohne dabei Rassismus rein funktionalistisch oder psychologisch zu begreifen. Gerade die von Marx im 23. Kapitel entfaltete Akkumulationsdynamik, bringt immer wieder aufs Neue ökonomisch „Überflüssige“ hervor, die dann mittels „rassischer“ Kategorien klassifiziert werden können. Daraus folgt dann aber (gegen die „Afro-Pessimists“), dass etwa die immer wieder gegen Afro-Amerikaner ausgeübte Gewalt als durch die Kapitalakkumulation vermittelt begriffen werden muss, anstatt (undialektisch) als Wesensmerkmal der Moderne missverstanden zu werden.

 


Zur Phänomenologie und Psychodynamik intersektionaler Identitätspolitik
Mai-Anh Boger
Mo., 15.01.2018 F2


Der Vortrag geht aktuellen Aporien intersektionaler Zugänge nach, indem er aus einer Phänomenologie der aktivistischen Praxis heraus nachzeichnet, wie Subjekte in diesem Diskurs adressiert werden und wie dies Bewegungen verändert. Der Einsatzpunkt Kritischer Psychologie wird dabei verstanden als einer, der in der Lage ist, derzeit virulente Opferinszenierungen, Konkurrenzverhältnisse und Konfliktpotentiale zu verstehen. Ziel ist eine Betrachtung von Bündnismöglichkeiten und Handlungsspielräumen jenseits von Entsolidarisierung und Selbstpartikularisierung, sowie eine Überwindung von Selbstlimitationen.

 


Was ist problematisch an Intersektionalität?
Dr. Michael Zander
Mo., 22.01.2018 F2


Wenngleich die wissenschaftliche und politische Relevanz von Mehrfachdiskriminierungen anzuerkennen ist, hinterfragt der Vortrag aktuelle Ansätze und Ansprüche der Intersektionalitätsforschung. Insbesondere wird gezeigt, dass die Sozialstrukturanalysen unzulänglich und eklektisch ausfallen, weil sie die kapitalistische Produktionsweise nicht angemessen berücksichtigen. Außerdem wird das Konzept des Privilegs kritisiert, wie es in der Intersektionalitätsforschung verwendet wird, weil es individuelle Rechte mit Vorteilen und Struktureffekte mit persönlichen Eigenschaften vermengt. Am Beispiel von ‚Klassismus‘ und ‚Ableismus‘ wird dargestellt, wie die Intersektionalitätsforschung komplexe Forschungsgegenstände auf Diskriminierung reduziert. Schließlich problematisiert der Beitrag, dass Intersektionalität, ebenso wie ‚Social Justice‘, im Liberalismus verwurzelt ist.

 


Ladies first. Zum Verhältnis von Feminismus und Emanzipation
Dr. des. Iris Dankemeyer
Termin und Ort werden noch bekanntgegeben


Die Frau sei „das am meisten diskutierte Lebewesen des Universums“, hatte Virginia Woolf einst geschrieben. Seitdem hat sich alles und nichts geändert. Die Frauenfigur, die in den letzten Jahren besonders prominent präsentiert wird, ist Feministin. Der Staat unterstützt sie mit Quotenregeln und Sprachpolitik. Das Popuniversum und die Modewelt bekennen sich zu ihr. Die Feministin tritt laut, stark, aggressiv und stolz auf; sie reklamiert selbstverständlich die Freiheiten, die Frauenrechtlerinnen und Emanzen vor ihr erkämpft haben: wie Männer arbeiten und wählen zu gehen, als Frauen verhüten und abtreiben zu können. Wer für den Feminismus ist, muss nicht gegen die Gesellschaft sein. Der feministischen Erfolgsgeschichte sexuell selbstbestimmter und ökonomisch souveräner Powerfrauen widersprechen die derzeitigen Bekenntnisse unter dem Schlagwort MeToo. Die Praxis, öffentlich die schuld- und schambehafteten Verletzungen der eigenen intimen Integrität auszusprechen, erscheint sowohl als legitime Praxis wie auch als regressiv-resignative Theoriefeindlichkeit. Letztendlich artikuliert sich in der gefährlichen Generalisierung unzähliger Einzelstimmen, die von verhältnismäßig harmlosen Diskriminierungserlebnissen bis zu brutalen Gewalterfahrungen reichen, ein gigantisches Opferkollektiv.
Ist die moderne westliche Welt wirklich noch immer so archaisch, dass sich Frauen auch nach der juristischen Gleichstellung auf dem freien Markt wie Huren vorkommen und sich auch nach der sexuellen Revolution auf offener Straße wie Freiwild fühlen müssen? Ohne den Blick auf die Gesellschaft bleibt die Gewaltfrage unbeantwortet und die soziale Frauenfrage ungelöst: Wie verhält sich das geschlechtliche Egalitätsprinzip zur historischen Differenz weiblicher Sozialisation? Auslöser der Bekenntnisbewegung MeToo war ein Fall sexueller Nötigung unter Ausnutzung eines Dienstverhältnisses, die spezifische Vermischung von körperlicher Ohnmacht und ökonomischer Abhängigkeit. Ein „erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen“ zu sein, betrifft nach Marx alle menschlichen Kreaturen und nicht allein „das am meisten diskutierte“. Je populärer und sichtbarer ein Feminismus, der zwischen positivem Empowerment und negativer Betroffenheit vermittlungslos hin-und herschwappt, desto undurchsichtiger die Gründe für das Ausbleiben der Emanzipation, die Sache aller menschlichen Wesen sein müsste. Der Vortrag diskutiert thesenhaft einige Fragen zu gesellschaftlichem Geschlechterverhältnis und weiblichem Charakter so-wie zum Zusammenhang von Feminismus und Frigidität, Kapitalismus und Depression.



Alle Vorträge sind öffentlich und beginnen um 18:30 Uhr. Ein Eintrittsgeld wird nicht erhoben.

Die Projektstelle Ideologiekritik ist unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! zu erreichen.

Die Veranstaltungen zur Ideologiekritik sind auch bei Facebook zu finden: https://www.facebook.com/Veranstaltungen-zur-Ideologiekritik-1540664229484510/?ref=aymt_homepage_panel