1. Cartellversammlung des Cartellverbandes der katholischen deutschen Studentenverbindungen

Der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) der Universität Münster positioniert sich kritisch gegenüber der 133. Cartellversammlung des Cartellverbandes der katholischen deutschen Studentenverbindungen, der diese Woche in Münster stattfindet.

Der Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV) ist ein Zusammenschluss von mehr als 125 Verbindungen in Deutschland und einigen anderen Städten weltweit.  Ihre Geschichte geht bis auf das 19. Jahrhundert zurück und entwickelte sich aus einer Protestbewegung gegen den damaligen preußischen Staat. Heute ist der CV mit ca. 32.000 Mitgliedern der größte Verband von Studentenverbindungen Europas. Die vier Grundsätze der CV sind Religio, Scientia, Amicitia und Patria, die man frei als: das Leben nach katholisch-christlichen Werten, studentisches und lebenslanges Lernen, die lebenslange Freundschaft im Männerbund und das Bekenntnis zum „deutschen Vaterland“, übersetzen kann.

Auf den ersten Blick wirken die oben genannten Grundsätze, gerade im Vergleich zu den deutschnationalen Burschenschaften harmlos, doch eben auch sehr konservativ. Der Konservativismus äußert sich vielfältig.

Was auf den ersten Blick positiv wirkt, aber auf den zweiten Blick durchaus kritisch zu betrachten ist, sind die akademischen Chancen, die sich mit einem Leben in dem CV ergeben. Gegen einen Fokus auf überdurchschnittliche Leistungen und vor allem die gegenseitige Unterstützung, diese auch zu erreichen, ist zunächst wenig einzuwenden. Das Netzwerk aus Alten Herren und Cartellstudenten führt zu einem leichteren Zugang zu Praktika und besseren Berufschancen. Dies trägt allerdings durch den exklusiven Charakter der Cartellverbindungen zu einer Verfestigung von männlichen, konservativen Eliten in der Gesellschaft bei.  Dazu kommt, dass die individuelle Entfaltung eingeschränkt ist: Ein hierarchisches System und ein großer Fokus auf die eigenen Leistungen lassen wenig Platz für eigene Interessensentfaltung, die über das Leben in der konservativen Gemeinschaft und den katholischen Glauben hinaus geht.

Dabei darf die Geschichte des CV nicht unbeachtet bleiben, denn gerade während der Zeit des Nationalsozialismus wurden die besagten christlichen Werte zulasten der „arischen Rasse“ in den Hintergrund gerückt. In Münster war der Hochschulgruppenführer des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) und Redner bei der Bücherverbrennung auf dem Schlossplatz, Albert Derichsweiler, Mitglied einer Verbindung im CV. Im August 1934 wurde er Reichsleiter des NSDStB. Derichsweiler trat erst im Mai 1935 aus der Verbindung aus.

Immerhin hat sich der CV mit der eigenen Geschichte auseinandergesetzt, wobei oft verschwiegen wird, dass die Selbstauflösung der Verbindungen oft nicht aus kritischer Distanz zum Nationalsozialismus erfolgte, sondern aufgrund der ablehnenden Haltung des Nationalsozialismus gegenüber dem Verbindungswesen, dennoch sollte dieser Fakt nicht unerwähnt bleiben.

Anders sieht es mit der Auseinandersetzung mit dem Feminismus aus. Die Frauenquote liegt bei Null Prozent. Das heißt, wie in der katholischen Kirche üblich, sind die Frauen unterrepräsentiert und haben nicht die Möglichkeit, Teil des CV zu werden. Zum Festakt selbst sind die Familien der Mitglieder eingeladen, doch wird die konservative Rollenverteilung in Aussagen wie: „Frauen backen Kuchen und bereiten Essen vor“ unterstrichen. Gleichstellung sollte dagegen im 21. Jahrhundert eine Selbstverständlichkeit sein.

Daran knüpft an, dass nur Katholiken Teil der Verbindungen werden dürfen, zwar gab es in den letzten 50 Jahren Diskussionen über eine Reform, doch zur Umsetzung kam es bis heute nicht. Dabei stellt sich die Frage, ob es wirklich um eine Vereinigung demokratischer, sozialer und engagierter Studierender geht oder doch um eine Vereinigung konservativer, katholischer Studenten. Denn eine demokratische, soziale und engagierte Lebenshaltung gibt es nicht nur im Katholizismus.

Die Grundidee des CV, eine Wertegemeinschaft und Unterstützung für Studierende zu schaffen erscheint bei einer oberflächlichen Betrachtung sympathisch, doch die Umsetzung ist veraltet und regressiv. Dem Ausschluss von Frauen* und Nicht-Katholiken, der streng konservative Grundhaltung und dem elitären Charakter von Studentenverbindungen muss ein Ende gesetzt werden.

 

 

Quellen (für den Inhalt der Internetquellen ist nicht der AStA verantwortlich):

https://www.kirche-und-leben.de/artikel/katholische-studentenverbindungen-treffen-sich-in-muenster/

Disconnect Reader: http://falschverbunden.blogsport.de/images/disconnect.pdf

https://de.wikipedia.org/wiki/Cartellverband_der_katholischen_deutschen_Studentenverbindungen

https://www.cartellverband.de/

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45589671.html

https://www.asta.ms/images/Dokumente/Asta/Publikationen/Reader/reader_studentenverbindungen.pdf