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Projektstelle Veranstaltungen zur Ideologiekritik

besetzt durch Sebastian Gräber und Sibel Taycimen

 

Um Möglichkeiten kritischer Bildung ist es an der im Zuge des Bolognaprozesses tendenziell nach betriebswirtschaftlichen Maßstäben eingerichteten Universität schlecht bestellt. So soll die Forschung weitgehend einem nützlichen, d.h. mindestens mittelbar verwertbaren, Zweck dienen. Studierende erfahren die Ökonomisierung der Hochschule vor allem durch eine Verkürzung der Regelstudienzeit bei gleichzeitigem Anstieg des Workloads. Zum emsigen Punktesammeln gesellt sich ein entgrenzter Leistungsdruck, zählt etwa eine Vielzahl der besuchten Veranstaltungen mit in die Endnote des Bachelors oder Masters und scheint oftmals auch noch erwartet, dass Praktika in Eigeninitiative absolviert werden. Die Veranstaltungen zur Ideologiekritik des AStA der Universität Münster verstehen sich seit nunmehr viereinhalb Jahren als Einspruch gegen diese tendenzielle Ökonomisierung der Bildung. Auch wenn die disponible Zeit seitens der Studierenden rar geworden ist, sollten und sollen die regelmäßig stattfinden Vorträge und Workshops zur Möglichkeit der Selbstbildung beitragen, indem Inhalte thematisiert werden, deren Durchdenken notwendig für ein adäquates (Selbst-)Verständnis (in) der Gegenwart ist.

 

Im Rahmen der Projektstelle Ideologiekritik wurden die Reader Aufsätze zur Ökonomisierung der Bildung und Ausätze zur Ideologiekritik erarbeitet. Die dort enthaltenen Texte sind frei zugänglich und können helfen, das eigene Wissen zur Kritik gegenwärtiger Hochschulbildung zu erweitern und das Verständnis für die theoretischen Grundlagen der Ideologiekritik zu vertiefen.

Veranstaltungen zur Ideologiekritik im Wintersemester 2020/21

 

Konformistische Rebellen

 

Buchvorstellung mit Andreas Stahl und Katrin Henkelmann

 

Mittwoch, 21.10.2020

19 Uhr via Zoom

 

Zahlreiche Zeitdiagnosen kreisen um den gemeinhin unerwarteten Aufstieg autoritärer Parteien und Bewegungen, der gegenwärtig weltweit zu beobachten ist. Knüpft man indes an die Erkenntnisse des frühen Frankfurter Instituts für Sozialforschung zum autoritären Charakter an, so überrascht die Attraktivität der neuen »falschen Propheten« keineswegs. Die Theorie des autoritären Charakters untersucht, wie Menschen unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen das Bedürfnis nach Unterwerfung unter irrationale Autoritäten entwickeln und ebenso irrationale Feindbilder hervorbringen. In rund 20 Aufsätzen diskutieren die Autorinnen und Autoren des Sammelbandes „Konformistische Rebellen“ das Erklärungspotenzial einer psychoanalytisch informierten kritischen Theorie des Autoritarismus angesichts veränderter gesellschaftlicher Bedingungen.

 

Andreas Stahl und Katrin Henkelmann werden in ihrem Vortrag einen Überblick über die im Buch enthaltenen Beiträge und Debatten geben und vor allem auf die Bedeutung der Arbeiten Leo Löwenthals für die Analyse des heutigen Autoritarismus und Populismus eingehen.

 

Andreas Stahl und Katrin Henkelmann studieren Philosophie an der Universität Oldenburg und sind Mitherausgeber*innen des Sammelbandes „Konformistische Rebellen. Zur Aktualität des autoritären Charakters“ (https://www.verbrecherverlag.de/book/detail/1025).

 

Zoom-Meeting beitreten

https://wwu.zoom.us/j/96271754746

 

Meeting-ID: 962 7175 4746

Kenncode: 026813

 

Orte der Vernichtung – Zur Repräsentation der Shoa im Film

 

Online-Seminar mit Mikko Linnemann in Kooperation mit der Projektstelle Antisemitismus bekämpfen

 

Samstag, 07.11.2020

15-19 Uhr via Zoom

 

Wenige geschichtliche Ereignisse werden so häufig im Film thematisiert wie die Vernichtung der europäischen Juden. Die inhaltlichen Ausprägungen und die gewählten ästhetischen Konzepte könnten dabei nicht unterschiedlicher sein. Im Kern berühren alle diese medialen Produkte - bewusst oder unbewusst - die Frage nach der grundsätzlichen Darstellbarkeit von vergangenen Ereignissen. Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass (fast) keine dokumentierenden Filmbilder der konkreten Vernichtung und ihrer Orte existieren. Daher sind alle Filmemacher/innen, die zum Thema arbeiten, darauf angewiesen, Bilder zu konstruieren - oder auf die Bilder der Täter zurückzugreifen und damit ihren Blick zu übernehmen. Dies bringt eine erhebliche Anzahl von inhaltlichen und ästhetischen Entscheidungen mit sich, die zu treffen sind.

 

Gestaltet als einführender Überblick zur Repräsentation der Shoa im Film werden in diesem Online-Seminar ausgewählte Spiel- und Dokumentarfilme mit sehr unterschiedlichen ästhetischen Zugängen

zum Thema vorgestellt. Leitend wird die Frage sein, welche filmischen Mittel benutzt werden und wie diese Mittel auf die Zuschauer wirken. Dabei wird es auch um die Frage gehen, welche Ästhetiken angemessen erscheinen und welche nicht. Dieses Urteil soll durch das Anwenden von filmwissenschaftlichen Methoden adäquat begründet werden. Durch das Kennenlernen von spezifisch filmanalytischen Begriffen wird den Teilnehmer/innen ein Instrumentarium an die Hand gegeben, das sie befähigt, sich kritisch mit der filmischen Repräsentation der Shoa zu beschäftigen. Sie lernen zu verstehen, wie die Filme gemacht sind, welche standardisierten Formen und Konventionen es gibt und wie diese vermieden werden.

 

Mikko Linnemann, *1973, ist Filmwissenschaftler und Filmemacher mit Essayfilmen u.a. zu den Themen Erinnerungspolitik und Antisemitismus ("Triumph des guten Willens", 2016) und zur Aktualität von Karl Marx ("Im Vorhof der Geschichte - Celebrating Marx", 2019).

 

Um Anmeldung unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! wird gebeten. Wir lassen euch die Zugangsdaten zum Zoom-Raum dann zukommen.

 

„Sie neigen, wie die Erfahrung zeigt, zur Kriminalität…“: das Fortleben des Antiziganismus

 

Vortrag und Diskussion mit Tobias Neuburger

 

Mittwoch, 18.11.2020

19 Uhr (Raum wird noch bekanntgegeben)

 

„Sie neigen, wie die Erfahrung zeigt, zur Kriminalität…“ Dieses Satzfragment entstammt einem richtungsweisenden Urteil des Bundesgerichtshofs vom Januar 1956 und verweist eindrücklich auf das Fortleben des Antiziganismus im postnazistischen Deutschland. Die Richter wiesen damit aber nicht nur Entschädigungsansprüche von überlebenden Sinti_zze und Rom_nja zurück und verharmlosten zudem die rassistische Verfolgungspraxis im Nationalsozialismus wie auch Deportationen in die Vernichtungslager als legitime Form polizeilicher Verbrechensbekämpfung. Der ungebrochene Antiziganismus nach 1945, wie er aus diesen Worten spricht, übernimmt darüber hinaus selbst eine Funktion der Schuldabwehr und der Leugnung des vergangenen Rassismus. Wie aber kommt es, dass viele Menschen den Antiziganismus bis heute immer wieder neu für sich entdecken und glauben, dass ihre Erfahrung die Vorurteile bestätigen? Der Vortrag bietet eine Einführung in die jüngere Geschichte des Antiziganismus und beleuchtet Wirkungsweisen dieses Ressentiments.

 

Tobias Neuburger ist Soziologe und Kulturwissenschaftler. Er forscht derzeit zu Mechanismen des institutionellen Antiziganismus in urbanen Räumen an der Leibniz Universität Hannover und ist Lehrbeauftragter an der Hochschule Hannover.

 

It’s the Pandemic, Stupid! Fetisch, Krisenbewusstsein und die Kritik der politischen Ökonomie in Zeiten der Pandemie.

 

Vortrag und Diskussion mit Daniel Poensgen

 

Donnerstag, 03.12.2020

19 Uhr (Raum wird noch bekanntgegeben)

 

Das Covid-19 Virus, seine Verbreitung und Auswirkungen sind vom gesellschaftlichen Umgang mit der Pandemie nicht zu trennen. Als gesellschaftliche Krise rückte die Pandemie auch jenseits konkreter Krankheitserfahrungen ins Bewusstsein der Menschen, und schnell ließen sich im Frühjahr 2020 unterschiedliche Formen des Krisenbewusstseins in Deutschland identifizieren: Was die mobilisierten Staatsbürger, die Souveränisten, all jene, die den Ausnahmezustand herbeireden, die Technokraten sowie die konformistischen Rebellen jedoch eint, ist ihre Unfähigkeit das Verhältnis von Natur und gesellschaftlicher zweiter Natur zu reflektieren. Die Pandemie erscheint ihnen wahlweise als rein gesellschaftliches oder als lediglich medizinisches Problem. Zugleich rückt der Umgang mit dem Corona-Virus den Staatsbürgern schmerzhaft in Erinnerung, was sie sonst erfolgreich verdrängen: das (gewaltvolle) Potential des Staates. Denn Lockdown-Bestimmungen, aber auch Kurzarbeitergeld und Investitionen in Lufthansa und Co machen mit einem Schlag deutlich, wozu dieser eigentlich in der Lage ist.

 

Ein gutes halbes Jahr später sind die Deutschen überwiegend versöhnt mit ihren Virologen, ihren Regierungen und der Ausstattung der Intensivstationen - wenn auch gleichzeitig deutschlandweit zigtausende auf die Straße gehen, um gegen Mundschutzpflicht im Nahverkehr und Abstandsregeln im Fußballstadion zu demonstrieren. Diese gegenwärtige Dynamik wäre auf den Begriff zu bringen, indem die idealen Typen deutschen Krisenbewusstseins zu Zeiten der Pandemie in Konstellation zueinander gebracht und mit polit-ökonomischen Entwicklungen konfrontiert werden, die sich beispielsweise aus Deutschlands Lage auf dem Weltmarkt ergeben. Eine so formulierte Kritik zeigt, dass es auch in Anbetracht des Umgangs mit dem Corona-Virus weder Anlass für eine Verteufelung staatlicher Politik zum Ausnahmezustand, noch zu einer Euphorie angesichts neuer Handlungsspielräume oder des vermeintlich humanen Agierens des Staates gibt.

 

Daniel Poensgen promoviert zum Verhältnis von Staatsverständnis und Antisemitismus und ist Redaktionsmitglied der Zeitschrift Pólemos. Der Vortrag greift seinen Text „It’s The Pandemic, Stupid“ auf, der im Mai auf dem Blog der Zeitschrift erschienen ist: https://kritischetheorie.wordpress.com/2020/05/13/its-the-pandemic-stupid/ .

 

Die Sommer

 

Buchvorstellung mit Ronya Othmann

 

Dienstag, 08.12.2020

19 Uhr (Raum wird noch bekanntgegeben)

 

„Alles Beweise, dachte Leyla, auch in zehn Jahren noch, in zwanzig, dass es das alles wirklich gegeben hatte: das Dorf, die Städte, die Menschen, die Sommer.“

 

Das Dorf liegt in Nordsyrien, nahe zur Türkei. Jeden Sommer verbringt Leyla dort. Sie riecht und schmeckt es. Sie kennt seine Geschichten. Sie weiß, wo die Koffer versteckt sind, wenn die Bewohner wieder fliehen müssen. Und sie weiß auch, dass sie selbst in viele Welten gehört, zwischen dem Haus ihrer Eltern bei München und dem Haus ihrer êzîdischen Großeltern in deren kurdischem Dorf. Dringlich und berührend, wie mit aufgerissenen Augen erzählt Ronya Othmann von Leben im Angesicht der Auslöschung – um sich ihr zu widersetzen.

 

Ronya Othmann wurde 1993 in München geboren und studiert am Literaturinstitut Leipzig. Sie erhielt unter anderem den MDR-Literaturpreis, den Caroline-Schlegel-Förderpreis für Essayistik, den Lyrik Preis des Open Mike und den Publikumspreis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs, war 2018 in der Jury des Internationalen Filmfestivals in Duhok in der Autonomen Region Kurdistan, Irak, und schreibt für die taz gemeinsam mit Cemile Sahin die Kolumne „OrientExpress“ über Nahost-Politik.

(vorläufiger Ankündigungstext (Klappentext des Buches und Beschreibung des Verlags).

 

„Hauptsache, für die Tiere!“ Menschenfeindlichkeit in der veganen Tierrechtsszene

 

Vortrag und Diskussion mit Mira Landwehr

 

Freitag, 08.01.2021

19 Uhr (Online, Link wird noch bekanntgegeben)

 

Der Veganismus hat Probleme: seine Popularität und seine Anhängerinnen. Der rechte Esoteriker Ruediger Dahlke bereichert den Buchmarkt jedes Jahr mit einem neuen veganen „Peace Food“-Kochbuch. Marginalisierte Gruppen sollen ihre Kämpfe hintenanstellen und sich für die Rechte der Tiere einsetzen. Die Relativierung und Instrumentalisierung des Holocaust sind in Diskussionen um die Ethik der Ernährung präsent.

 

In einer als unübersichtlich und chaotisch wahrgenommenen Umwelt, in der die Einzelnen keine Rolle spielen, scheint für manche Menschen alles, was mit dem nichtssagenden Label „alternativ“ versehen ist, ein erstrebenswertes Mittel der Selbstbestimmung zu sein, das die Rückgewinnung von Kontrolle verspricht. Der bewusst gewählte und individuell gestaltete Konsum mit starker Betonung der Ernährungsweise wird für manche zum ordnenden Korrektiv. Wird Veganismus zur bestimmenden Lebensweise und Weltanschauung, geht mit ihm mitunter ein quasi-religiöser Auserwähltheitsglaube mit der Tendenz zur Sektenbildung einher.

 

Teile der veganen Tierrechtsbewegung begrüßen Rassistinnen, Ökofaschistinnen und andere Menschenfeindinnen an Infoständen, auf Demonstrationen und als ihre medial wirksamen Fürsprecherinnen – der Schlachtruf lautet: „Hauptsache für die Tiere!“ Mira Landwehr erklärt, warum Tierliebe und Menschenhass so nah beieinander liegen und warum es so schwer ist, mit Leuten in der Szene darüber zu sprechen.

 

Mira Landwehr studierte Geschichte und Germanistik. Mehrere Jahre bewegte sie sich in der Tierrechtsszene. Sie schreibt regelmäßig für die Zeitschrift konkret und bloggt unter der Adresse aufdemnachttisch.de.

 

Autoritarismus und Individualismus – die „Authoritarian Personality“ heute

 

Vortrag und Diskussion mit Karin Stögner in Kooperation mit der Projektstelle Antifaschismus

 

Donnerstag, 28.01.2021

19 Uhr (Online, Link wird noch bekanntgegeben)

 

Hass auf Differenz und Identitätszwang sind Schlüsselmomente des Autoritarismus, wie ihn die Kritische Theorie der Frankfurter Schule analysiert hat. Als analytisches Konzept fasst die „autoritäre Persönlichkeit“ unterschiedliche Formen der beschädigten Subjektivität in der Moderne, die nicht psychologisch individualisiert, sondern politisch und gesellschaftlich in einem breiteren Rahmen verortet werden, dem „antidemokratischen ideologischen Syndrom“.

 

Ausgehend davon wird in dem Vortrag nach der Aktualität des Konzepts gefragt und auf gegenwärtige Formen des Autoritarismus bezogen. Warum sind Ressentiments und Ideologien wie Nationalismus, Antisemitismus und Antifeminismus durch allen sozialen Wandel hindurch so wirksam? Lässt sich daraus eine Permanenz der autoritären Persönlichkeit ablesen? Und wie ist die Komplexität des Individualismus zu beurteilen – Gegenkonzept oder doch ein aktueller Ausdruck des Autoritarismus?