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Projektstelle Veranstaltungen zur Ideologiekritik

besetzt durch Thassilo Polcik

Um Möglichkeiten kritischer Bildung ist es an der im Zuge des Bolognaprozesses tendenziell nach betriebswirtschaftlichen Maßstäben eingerichteten Universität schlecht bestellt. So soll die Forschung weitgehend einem nützlichen, d.h. mindestens mittelbar verwertbaren, Zweck dienen. Studierende erfahren die Ökonomisierung der Hochschule vor allem durch eine Verkürzung der Regelstudienzeit bei gleichzeitigem Anstieg des Workloads. Zum emsigen Punktesammeln gesellt sich ein entgrenzter Leistungsdruck, zählt etwa eine Vielzahl der besuchten Veranstaltungen mit in die Endnote des Bachelors oder Masters und scheint oftmals auch noch erwartet, dass Praktika in Eigeninitiative absolviert werden. Die Veranstaltungen zur Ideologiekritik des AStA der Universität Münster verstehen sich seit nunmehr viereinhalb Jahren als Einspruch gegen diese tendenzielle Ökonomisierung der Bildung. Auch wenn die disponible Zeit seitens der Studierenden rar geworden ist, sollten und sollen die regelmäßig stattfinden Vorträge und Workshops zur Möglichkeit der Selbstbildung beitragen, indem Inhalte thematisiert werden, deren Durchdenken notwendig für ein adäquates (Selbst-)Verständnis (in) der Gegenwart ist.

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Im Rahmen der Projektstelle Ideologiekritik wurden die Reader Aufsätze zur Ökonomisierung der Bildung und Ausätze zur Ideologiekritik erarbeitet. Die dort enthaltenen Texte sind frei zugänglich und können helfen, das eigene Wissen zur Kritik gegenwärtiger Hochschulbildung zu erweitern und das Verständnis für die theoretischen Grundlagen der Ideologiekritik zu vertiefen.

Die Veranstaltungen zur Ideologiekritik werden in diesem Semester vom ROSTA Buchladen und dem Verlag Westfälisches Dampfboot finanziell unterstützt.

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Veranstaltungen zur Ideologiekritik im WS 18/19

Vortragsbeginn ist 19 Uhr s.t.

Politik der Differenz

Buchpräsentation und Gespräch mit Marcus Quent

Mi., 28.11.2018

Beginn: 19 Uhr (s.t.)

Raum: JO1 (Johannisstraße 4)

Vor fünfzig Jahren avancierte der Begriff der Differenz zu einer Art Emblem für eine Philosophie und eine Politik, die dem Regime der Identität, Repräsentation und Anerkennung zu entkommen versuchten. Heute dagegen dient der Begriff links wie rechts zumeist dazu, den Verkehr zwischen Identitäten zu ordnen und zu regulieren. Ist von Differenz die Rede, geht es nunmehr darum, einen unüberbrückbaren Abstand zwischen gegebenen Identitäten zu bezeichnen. Fatalerweise kehrt so gerade bei politischen Akteuren, denen es vordergründig um eine Vervielfältigung von Identitätskonzepten und Lebensformen geht, ein unkritischer Umgang mit Praktiken der Identifizierung wider. Dagegen muss ein politisches Denken, das den Namen verdient, die Differenz stets als eine Kraft denken, die im Inneren der Identität selbst wirksam ist und das Regime der Identifizierung herausfordert.

Ausgehend von diesem Problemzusammenhang der Identitätspolitik stellt Marcus Quent an diesem Abend die Überlegungen seines Buches „Kon-Formismen. Die Neuordnung der Differenzen“ vor, das jüngst im Merve-Verlag erschienen ist (https://www.merve.de/index.php/book/show/515). Im Anschluss an seinen Kurzvortrag diskutiert Thassilo Polcik mit ihm anhand von Beispielen über die Fallstricke von gegenwärtigen identitätspolitischen Ansätzen. Die beiden Gesprächspartner fragen an diesem Abend: Wie können wir eine emanzipatorische Praxis denken, ohne dem Identitätszwang auf den Leim zu gehen?

Marcus Quent promoviert an der Universität der Künste Berlin.

 

Ist subversive Emanzipation möglich? Eine Konfrontation Butlers mit Hegel

Carolyn Iselt

Mi., 05.12.2018

Beginn: 19 Uhr (s.t.)

Raum: JO1 (Johannisstraße 4)

In der klassischen deutschen Philosophie gilt Subjektivität als allgemeine menschliche Voraussetzung für Selbsterkenntnis sowie Selbstbestimmung, mithin für Verwirklichung von Freiheit. Dementgegen fasst Judith Butler das vernünftige Subjekt als eine bestimmte Identität auf, die aufgrund ihrer Bestimmtheit Ausschlüsse erzwingt. Wie alle Identitäten ist ihr zufolge auch das vernünftige Subjekt ein konstruiertes Ideal, das von Individuen nie realisiert werden kann. Die idealen Identitäten existieren demnach allein als Bezugspunkt, der notwendigerweise im Handeln verfolgt, aber nicht verwirklicht werde. Das gelte allgemein und nicht nur für die von Butler kritisierten Identitäten wie die Frau, der Mann oder Heterosexualität. Verbunden mit dem unvermeidbaren Scheitern seien für gewöhnlich leidvolle Erfahrungen. Dennoch erkennt Butler Identitäten als notwendig zur Ausbildung von Selbstbewusstsein an. Selbstbewusstsein entstehe folglich durch die Identifikation mit einer bestimmten Identität, wobei diese nie erreicht werde. Auch die erstrebte Identifizierung ist kein Akt von zumindest Willkürfreiheit, sondern durch den Diskurs vorgeben. Mit dem Diskurs ist der Einzelne durch sein bestimmtes Handeln und Denken verwoben und sucht auf mehr oder weniger bewusste Weise, die ihm dort vorgegebenen Identitäten zu realisieren. Butlers Vorstellung von „Subjektivierung“ ist demnach die im Handeln erfolgende „Unterwerfung“ unter eine bestimmte Identität. Im Vortrag soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern in Butlers theoretischen Rahmen die von ihr beanspruchte Emanzipation überhaupt möglich sei, wenn außerhalb der vorgegebenen Identitäten kein Selbstbewusstsein bestehe, das sich kritisch auf jene beziehen könne. Obschon Hegel in einer gewissen Analogie zu Butlers Performativitätstheorie seinen Begriff von Individualität aufstellt, entwickelt er diesen ausgehend von einer „ursprünglichen-bestimmten Natur“ bis hin zu einem allgemeinen Selbstbewusstsein. Aufgrund dieser Nähe soll Butler mit den Unterschieden zu Hegels Genese individuellen Selbstbewusstseins konfrontiert werden.

Carolyn Iselt promoviert am Philosophischen Seminar der Universität Münster über Hegels Phänomenologie des Geistes.

 

Einführung in die Kapitalismuskritik

Karl Marx: „Lohn, Preis und Profit“.

Wochenendseminar mit Prof. Dr. Michael Städtler

Fr., 14.12.2018 (13-19 Uhr), Sa., 15.12.2018 (11-18 Uhr)

Raum: BB 303 (Bispinghof 2)

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Der moderne Kapitalismus ist ein kompliziertes System gesellschaftlicher Beziehungen und Handlungen. Man sollte ihn von den Ursachen her verstehen, wenn man seine Auswirkungen, z.B. Krisen, Kriege, Ausbeutung oder gesellschaftliche Hierarchien kritisieren will. Seit Marx ist mit der Kritik am Kapitalismus deshalb der Anspruch wissenschaftlicher Argumentation und Begründung verbunden. Marx hat versucht, im ‚Kapital‘ die erforderlichen Begründungsschritte systematisch aufeinander aufzubauen. Eine Einführung in die Kapitalismuskritik kann deshalb nicht nur einzelne Motive und Impulse vermitteln, sondern sie sollte auch auf die theoretischen Zusammenhänge von Begründungen eingehen. Außerdem kann sie zwar von konkreten Erfahrungen ausgehen, sollte diese aber in einen theoretischen Hintergrund einordnen. Mit dieser Problematik war auch bereits Marx selbst konfrontiert, der immer wieder Anfragen zu konkreten politischen Problemen erhielt, die er ohne theoretischen Hintergrund nicht glaubte beantworten zu können.

Sein Text ‚Lohn, Preis und Profit‘ geht auf eine Rede zurück, die Marx vor dem Zentralrat der I. Internationalen Arbeiterassoziation im Juni 1865 hielt. Es geht um die Klärung der Frage, ob es politisch sinnvoll sei, mit Streiks auf Arbeitsverbesserungen, z.B. Lohnerhöhungen, hinzuwirken, oder ob damit bereits eine Anpassung an die herrschenden Verhältnisse verbunden sei. Marx baut seine Antwort auf eine Einführung in die wichtigsten Grundbegriffe der Kapitalismustheorie auf, um zu zeigen, welche politischen Konsequenzen sich aus dem Systemcharakter kapitalistischer Gesellschaften ergeben.

In dem Workshop soll der Versuch gemacht werden, durch gemeinsame Lektüre und Diskussion des Textes in die Problematik des Kapitalismus und vor allem die Bedeutung und die Konsequenzen seines Systemcharakters einzuführen. Die Textgrundlage ist: Karl Marx, Lohn, Preis und Profit, in: Marx-Engels-Werke, Bd. 16, Berlin 1968 u.ö., S. 101-152. Der Text ist auch online verfügbar, z.B.: https://marxwirklichstudieren.files.wordpress.com/2012/11/mew_band16.pdf

Gemeinsam gelesen werden vor allem die Abschnitte 6-14, d.h. die Seiten 121-152. In den ersten fünf Abschnitten formuliert Marx eine polemische Kritik an John Weston, der sich gegen Streiks und Lohnforderungen ausgesprochen hatte. Davon ausgehend will Marx ab dem Abschnitt 6 „auf die wirkliche Entwicklung der Frage eingehn“. Das wollen wir in dem Workshop, nach einem kurzen Überblick über Westons Argument, auch tun. Es wird empfohlen, den Text vorher einmal durchzulesen. Wir werden, ausgehend vom Text, auf viele weitere empirische und theoretische Zusammenhänge der Kapitalismuskritik eingehen.

Michael Städtler ist außerplanmäßiger Professor am Philosophischen Seminar der Universität Münster. Derzeit lehrt er an der Bergischen Universität Wuppertal.

 

Verein freier Menschen? Idee und Realität kommunistischer Ökonomie

Vortrag und Buchvorstellung mit Hannes Giessler Furlan

Do., 20.12.2018

Beginn: 19 Uhr (s.t.)

Raum: F5 (Fürstenberghaus)

Im Namen des Kommunismus verwirklicht hat sich im 20. Jahrhundert vor allem eine totalitäre Gesellschaft. Die Ursachen des Misslingens sucht Hannes Giessler Furlan dort, wo der Kommunismus ansetzte: in der Ökonomie. Der Autor zeigt in seinem Buch, wie die kommunistische Idee eines vernünftig eingerichteten Produktionsprozesses in der Realität einen gewaltigen Staats- und Planungsapparat bedingte, wie sie scheiterte, und was von ihr übrig geblieben ist.

Dass der Kommunismus trotz seiner humanistischen Versprechen heute ein kümmerliches Dasein fristet, liegt an schwerwiegenden Fragen, die in der ökonomischen Praxis des Realsozialismus offenbar wurden und unbeantwortet blieben: Wie kann die kommunistische Produktion zugleich demokratisch und planmäßig organisiert sein? Wie kann die kommunistische Gesellschaft das Problem der Arbeitszeitrechnung lösen? Oder soll sie auf Arbeitszeitrechnung verzichten - aber wie soll dann das zentrale Anliegen kräfteschonender Produktion und Bedürfnisbefriedigung realisiert werden? Und wie kann gewährt werden, dass die Überwindung des Leistungsprinzips und der Tauschgerechtigkeit nicht in Ungerechtigkeit mündet?

In Münster wird der Autor die Vorstellung seines Buches auf die Kritik des Rätekommunismus zuspitzen. Dieser steht heute, zumindest in kleinen Zirkeln, in denen das humanistische Versprechen des Kommunismus gehütet und über die Zeit gebracht wird, hoch im Kurs (etwa in dem lesenswerten Pamphlet Umrisse der Weltcommune der »Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft«). Wenngleich der Rätekommunismus historisch fast keine Schuld auf sich geladen hat, liefert auch er, so die These des Autors, kaum Antworten auf oben genannte Fragen.

Dr. Hannes Giessler Furlan hat Geschichte und Philosophie studiert. Er arbeitete als Referent in der Jugend- und Erwachsenenbildung und promovierte an der Leipziger Fakultät für Sozialwissenschaften und Philosophie. Er lehrte an einer brasilianischen Universität und arbeitet als Lehrer in Köln. Das Buch Verein freier Menschen? ist eine gekürzte Fassung seiner Promotion.

 

Anerkannte Halbbildung? Zur (Ideologie-)Kritik von Bildung und Erziehung.

Dr. Eva-Maria Klinkisch

Do., 17.01.2019

Beginn: 19 Uhr (s.t.)

Raum: F5 (Fürstenberghaus)

In den letzten 10 Jahren ist Ideologiekritik in die gesellschafts- und sozialtheoretischen Diskussionen zurückgekehrt. Während lange Zeit ein Verständnis von Ideologie als „falsches Bewusstsein“, das zur (Re-)Produktion und Legitimation von Herrschaftsverhältnissen maßgeblich beiträgt, vorherrschte, haben zwischenzeitlich eine ganze Reihe Autor*innen versucht, die - durchaus zurecht - vorgebrachten Kritikpunkte an diesem Verständnis zu überwinden. Neuere Ansätze von Ideologiekritik beziehen sich etwa auf funktionale oder habituelle Reproduktionsaspekte, verdinglichende Praktiken oder eine Verunmöglichung von Erfahrung. Ideologiekritik erweist sich damit (wieder) als hochinteressante theoretische und politische Idee, auch und gerade mit Blick auf Bildung und Erziehung. Unter anderem verweist die Kritische Theorie der Gesellschaft auf die große Bedeutung von Bildung und Erziehung für gesellschaftliche Reproduktionsmechanismen, aber auch für Emanzipationschancen. Dieser Beitrag arbeitet anerkennungstheoretische Überlegungen einerseits, Adornos Figur der Halbbildung andererseits als Dimensionen für eine Analyse von und Kritik an Bildung und Erziehung heraus. Ziel ist, diese Perspektive auch für Ideologiekritik fruchtbar zu machen sowie Möglichkeiten für eine Weiterentwicklung Kritischer Bildungstheorie(n) zu diskutieren.

Dr. Eva-Maria Klinkisch ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft der Eberhard Karls Universität Tübingen.

 

Der arabisch-israelische Krieg von 1967 und die Folgen: ein Friedenshindernis?

Jörg Rensmann

Mi., 23.01.2019

Beginn: 19 Uhr (s.t.)

Raum: JO1 (Johannisstraße 4)

In den Debatten um Lösungen für den israelisch-arabischen Konflikt wird als besonderes Hindernis die israelische Präsenz in der Westbank angeführt. Rensmann wird dies anhand des Sechstageskrieges und der Folgen beleuchten. Dabei wird er die Ideologie der palästinensisch-arabischen Akteure besonders fokussieren und Vorschläge zur Konfliktlösung in Richtung einer Zwei-Staaten-Lösung erörtern.

Jörg Rensmann ist Politikwissenschaftler und Programmdirektor des Mideast Freedom Forum Berlin.

 

Die israelische Demokratie und der Nahostkonflikt

Tagesseminar mit Jörg Rensmann & Kolleg*in vom MFFB

Do., 24.01.2019 (10-18 Uhr)

Raum: Senatssaal (Schlossplatz 2)

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Ausgehend von der Beobachtung, dass es bisher kaum wirksame Angebote gibt, die sich schwerpunktmäßig mit gegenwartsbezogenem Antisemitismus beschäftigen, der sich am Staat Israel entzündet, sollen im Rahmen des Modellprojekts „MFFB-Bildungsbausteine: Demokratie stärken – Antisemitismus bekämpfen“ zielgruppenspezifische Schulungen vor allem für MultiplikatorInnen, LehrerInnen und SchülerInnen durchgeführt werden.

In den Seminaren mit dem Titel „Die israelische Demokratie und der Nahostkonflikt“ sollen die TeilnehmerInnen dazu befähigt werden, den Nahostkonflikt faktenbasiert zu analysieren. Hierzu werden Kenntnisse der Geschichte, der Gesellschaft und der Strukturen des Staates Israel vermittelt. Im Fokus der Vermittlung steht die Funktionsweise des israelischen Staates als funktionierender, pluraler Demokratie im Nahen Osten. Dieses Wissen wird mit populären Mythen und israelbezogenen antisemitischen Stereotypen konfrontiert, um das Urteilsvermögen zu stärken und somit das demokratische Bewusstsein bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu schärfen.

Das Mideast Freedom Forum Berlin (MFFB) ist ein Zusammenschluss aus Wissenschaftler*nnen, Publizist*innen, Mitgliedern jüdischer Organisationen und Exiliraner*innen. Seine Mitglieder arbeiten zu den Themen Antisemitismus, Israelfeindschaft, Islamismus und Rechtsextremismus und setzen sich für eine dauerhafte Erinnerung an die Shoah in Deutschland ein.

 

An Leid gewöhnt. Die Kritische Theorie der Kulturindustrie

Dr. Marc Grimm

Mi., 30.01.2019

Beginn: 19 Uhr (s.t.)

Raum: JO1 (Johannisstraße 4)

Vergnügen heißt allemal: nicht daran denken müssen,

das Leiden vergessen, noch wo es gezeigt wird.

(T.W. Adorno / M. Horkheimer: Dialektik der Aufklärung)

 

Theodor W. Adorno sprach der Kunst die Aufgabe zu, menschliches Leiden zu erinnern und zu bewahren, damit ein Zustand wenigstens noch denkbar bleibt, in dem Leid abgeschafft ist. Die Kulturindustrie hingegen, die Adorno dem autonomen Kunstwerk gegenüberstellt, besorgt das Gegenteil: Sie macht das Leiden vergessen, noch wo es gezeigt wird. Jean Améry argumentierte 1972, dass die realistische Darstellung menschlichen Leidens das Mit-Leiden des Zuschauers erzwinge und dieser damit „das Grauen, das er hier erlernte, so schnell nicht wieder verlernen“ wird. Aktuelle kulturindustrielle Produkte hingegen, deren Darstellungen von Gewalt keine Grenzen und Tabus kennen, lassen den Verdacht, sie könnten Leid erfahrbar machen, erst gar nicht aufkommen.

Der Vortrag entwickelt entlang zentraler Begriffe das Verhältnis von autonomer Kunst und Kulturindustrie und argumentiert, dass das empathische Potential des Films, welches Améry der filmischen Darstellung von Leid zusprach, zunehmend im Schwinden begriffen ist.

Marc Grimm, Dr.phil., ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Prävention und Intervention in Kindheit und Jugend an der Universität Bielefeld. Zuletzt erschien bei De Gruyter der zusammen mit Bodo Kahmann herausgegebene Sammelband Antisemitismus im 21. Jahrhundert. Virulenz einer alten Feindschaft in Zeiten von Islamismus und Terror.

 

Objektivität als Ideologie?

Dr. Christine Zunke

Do., 14.02.2019

Beginn: 19 Uhr (s.t.)

Raum: Baracke (Scharnhorststraße 100)

In seinen von 1830 bis 1842 geschriebenen Arbeiten zur Positiven Philosophie forderte Auguste Comte, dass die Wissenschaft von den Fragen nach dem Wesen der Dinge ablassen und sich endlich den Tatsachen zuwenden solle. Das Positive, das tatsächlich Vorhandene und Messbare möglichst ohne subjektive Verzerrungen darzustellen wurde ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zum neuen Ideal der Naturwissenschaften. Hiermit fand eine erkenntnistheoretische Wende statt – weg von der 'Naturwahrheit' und hin zur empirischen 'Objektivität'. Dieser Wechsel von der Suche nach dem Wesentlichen zur Darstellung objektiver Tatsachen veränderte den Charakter der modernen Wissenschaften grundsätzlich.

In ihrem 2007 erschienenen Werk Objektivität zeigten Lorraine Daston und Peter Galison, dass sich hiermit zugleich der ideale Typus des Wissenschaftlers radikal veränderte. Während Goethe noch den Geist des Genies als unhintergehbare Bedingung jeder wissenschaftlichen Erkenntnis pries, schrieb Darwin in seiner Autobiographie, dass „nicht schnelle Auffassungsgabe oder geistige Beweglichkeit“, sondern „die Beobachtung und Sammlung von Tatsachen [...] mit allem nur erdenklichen Fleiß“[1] das Erfolgsgeheimnis seiner Forschungen sei. Spekulative Einbildungskraft und geniales Interpretationsvermögen standen als subjektive Erkenntnisformen einer objektiven Betrachtung des Gegenstandes zunehmend im Weg und mussten durch besondere Praktiken der Selbstdisziplinierung unterdrückt werden. Während die industrielle Revolution die Menschen daran gewöhnte, im Takt der produzierenden Maschinerie zu arbeiten, wurden Selbstbeherrschung, Fleiß und gewissenhaftes Protokollieren aller Arbeitsvorgänge auch zu epistemischen Tugenden der Forschung. Eine neue Form des wissenschaftlichen Sehens fand ihr Ideal in photographischen Abbildungsverfahren, in denen die Kamera – im Gegensatz zum subjektiven Blick – all jene Tugenden verkörperte, nach denen die Naturforscher und ihre IllustratorInnen strebten.

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts dauerte es, bis Comtes zentrale Forderung, auch die Sozialwissenschaften sollten sich an den positiven Methoden der Naturwissenschaften orientieren, weitgehend durchgesetzt war. Nun entwickelte sich eine Kritik an der radikalen Trennung von erkennendem Subjekt und erkannter Objektivität, die jedoch kaum bis auf die Naturwissenschaften zurückwirkte. Die Kritische Theorie diagnostizierte Anfang der 60er Jahre im Rahmen des sogenannten Positivismusstreites das Ideal der wissenschaftlichen Objektivität, die sich von allem Einfluss des erkennenden Subjektes möglichst frei halten soll, als eine spezifisch kapitalistische Form der Entfremdung: Wie die ArbeiterInnen von ihren Produkten, so seien die WissenschaftlerInnen von ihren Objekten abgeschnitten.

Dr. Christine Zunke lehrt am Institut für Philosophie der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und arbeitet derzeit an ihrer Habilitation über den Lebensbegriff in der Biologie.

 

Die Gegenwart des Populismus:

Formen und Ursachen der autoritären Revolte in Europa

Prof. Dr. Lars Rensmann

Do., 28.02.2019

Beginn: 19 Uhr (s.t.)

Raum: JO1 (Johannisstraße 4)

Erstarkte autoritäre populistische Parteien und Bewegungen bestimmen in den letzten Jahren zentrale politische Konfliktlinien in Europa. In etlichen europäischen Ländern haben es populistische Akteure zu Regierungsbeteiligungen geschafft; in EU-Mitgliedsstaaten wie Italien, Polen oder Ungarn bilden sie selbst allein die Regierung. Dieser Erfolg wird getragen von einer transnationalen gesellschaftlichen Revolte – einer nationalistischen, autoritären soziokulturellen „Gegenrevolution“ – die mit bisherigen zivilen Normen, Diskursgrenzen und politischen Regelungsformen zu brechen bereit ist. Aufgrund der Art und ihres Ausmaßes kristallisiert sich in jener von populistischen Parteien mobilisierten Revolte indes nicht nur eine Krise der etablierten Parteiensysteme. Vielmehr können die heute europaweit reüssierenden autoritären Populisten auch sowohl als Akteure als auch als Symptome einer Krise der liberalen Demokratie gedeutet werden, welche sie in eine “illiberale” transformieren möchten. Der Vortrag untersucht vergleichend populistische Phänomene in Europa und die Ursachen ihres (aufhaltsamen) Aufstiegs – und wirft dabei politikwissenschaftliche, inter-disziplinäre und kritisch-theoretische Analyseperspektiven auf einen allzu aktuellen Gegenstand.

Prof. Dr. Lars Rensmann ist “Professor of European Politics and Society“ an der Rijksuniversiteit Groningen.

 

 

[1] Charles Darwin, Mein Leben, Frankfurt a.M. 1993, S. 146 f.

 

 

Die Veranstaltungen des AStA der Universität Münster sind öffentlich. Ein Eintrittsgeld wird nicht erhoben. Vortragsbeginn ist 19 Uhr s.t.