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Projektstelle Veranstaltungen zur Ideologiekritik

besetzt durch Sebastian Gräber

Um Möglichkeiten kritischer Bildung ist es an der im Zuge des Bolognaprozesses tendenziell nach betriebswirtschaftlichen Maßstäben eingerichteten Universität schlecht bestellt. So soll die Forschung weitgehend einem nützlichen, d.h. mindestens mittelbar verwertbaren, Zweck dienen. Studierende erfahren die Ökonomisierung der Hochschule vor allem durch eine Verkürzung der Regelstudienzeit bei gleichzeitigem Anstieg des Workloads. Zum emsigen Punktesammeln gesellt sich ein entgrenzter Leistungsdruck, zählt etwa eine Vielzahl der besuchten Veranstaltungen mit in die Endnote des Bachelors oder Masters und scheint oftmals auch noch erwartet, dass Praktika in Eigeninitiative absolviert werden. Die Veranstaltungen zur Ideologiekritik des AStA der Universität Münster verstehen sich seit nunmehr viereinhalb Jahren als Einspruch gegen diese tendenzielle Ökonomisierung der Bildung. Auch wenn die disponible Zeit seitens der Studierenden rar geworden ist, sollten und sollen die regelmäßig stattfinden Vorträge und Workshops zur Möglichkeit der Selbstbildung beitragen, indem Inhalte thematisiert werden, deren Durchdenken notwendig für ein adäquates (Selbst-)Verständnis (in) der Gegenwart ist.

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Im Rahmen der Projektstelle Ideologiekritik wurden die Reader Aufsätze zur Ökonomisierung der Bildung und Ausätze zur Ideologiekritik erarbeitet. Die dort enthaltenen Texte sind frei zugänglich und können helfen, das eigene Wissen zur Kritik gegenwärtiger Hochschulbildung zu erweitern und das Verständnis für die theoretischen Grundlagen der Ideologiekritik zu vertiefen.

Die Veranstaltungen zur Ideologiekritik werden in diesem Semester vom Büro für Gleichstellung der Universität Münster und dem Jungen Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft finanziell unterstützt.

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Veranstaltungen zur Ideologiekritik im Wintersemester 2019/2020

 

Im Vorhof der Geschichte – Celebrating Marx

 

Filmvorführung und Diskusstion mit Mikko Linnemann

Mo, 11.11.2019

Raum: H2, Schlossplatz 46

Zeit: 19:00 Uhr

 

Warum bedarf es einer weiteren medialen Beschäftigung mit Karl Marx?
Auch 200 Jahre nach Karl Marx Geburt wird um die Deutungsmacht seines Werkes gestritten. Der Kampf gegen die Ideen von Marx findet dabei hauptsächlich in Form ihrer Aneignung statt. Sehr unterschiedliche Akteure und Strömungen unternehmen jeweils den Versuch, die historische Person und das Werk Marxens für sich zu vereinnahmen. Hierunter fallen konservative Kreise mit ihrem Versuch, Marx im Sinne einer nationalen Sinnstiftung als "Deutschen Philosophen" umzudeuten und ihn gleichzeitig jedes emanzipatorischen Anspruches zu entkleiden. Zudem beanspruchen verschiedene politische Akteure das Erbe von Marx: Die Sozialdemokratie stellt Marx neben Willy Brandt ins Museum. Das ökologisch-linksliberale Milieu reduziert Marx zum Ratgeber für soziale Rechte und blendet dessen Macht- und Herrschaftsanalyse aus. Die Führung der Volksrepublik China sieht keinen Widerspruch zwischen ihrem autoritären Staatskapitalismus und Marxens Diktum vom "Verein freier Menschen". Und nicht zuletzt bastelt sich eine linke Orthodoxie aus dem Marx'schen Werk eine dogmatische Weltanschauung.

Kann es überhaupt gelingen, das Projekt Marxens weiter zu entwickeln, ohne in religiöse Schriftauslegung zu verfallen oder ihn historisierend in die Bedeutungslosigkeit zu führen? Eine Beschäftigung mit Karl Marx und eine entschiedene Bezugnahme auf die emanzipatorische Stoßrichtung seines Denkens bedeutet, sein Werk nicht den tauben Verächtern und blinden Verehrern zu überlassen. Es geht um ein Denken, das keinen Halt kennt vor den Irrtümern und Schwachstellen der Marx'schen Theorie und darüber hinaus das Verständnis um Gesellschaft und deren Strukturbedingungen weiterentwickelt. Jede Auseinandersetzung mit Karl Marx muss sich zudem daran beurteilen lassen, wie sie mit dem bislang nicht eingelösten Imperativ umgeht, "alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist". Warum nicht heute damit beginnen?

Der Essayfilm Im Vorhof der Geschichte - Celebrating Marx exemplifiziert die unterschiedlichsten Facetten einer Marx-Aneignung im Jubiläumsjahr 2018 und fragt nicht zuletzt nach der Relevanz und Bedeutung seines Schaffens. Mit Beiträgen u. a. von Felix Bartels, Michael Hüther, Reinhard Kardinal Marx und Lars Rensmann.

 

 

 

Naturzerstörung, Kapitalismen und (Post-)Wachstumsperspektiven – Einblicke und Ausblicke aus politisch-ökonomischer Sicht

 

Vortrag und Diskussion mit Dr. Athanasios Karathanassis

Fr., 29.11.2019

Ort: H2, Schlossplatz 46

Zeit: 19:00 Uhr

 

Wenn von Naturzerstörungen, vom Klimawandel oder Umweltschutz die Rede ist, geht es sowohl in öffentlichen Diskursen als auch im wissenschaftlichen „Mainstream“ zumeist um Fragen der technischen „Beherrschbarkeit“ von Natur, wobei insbesondere die Steigerung der Energie- und Ressourceneffizienz thematisiert wird, um gesetzliche Forderungen oder um normative und moralische Leitbilder, aus denen die Schonung der Natur folgen soll.
Eine zumeist ausgeblendete oder verkürzt gestellte Frage ist die nach den politisch-ökonomischen Ursachen kapitalistischer Naturverhältnisse oder anders gefragt: In welchem Zusammenhang steht die Praxis des kapitalistischen Systems und die ihr zu Grunde liegenden Logiken mit den gegenwärtigen Prozessen des Naturraubbaus und der Vernichtung der natürlichen Lebensgrundlagen, und welche gesellschaftlichen Perspektiven schließen hieran an?

Zur Person:
Dr. Athanasios Karathanassis, Politik- und Sozialwissenschaftler, lehrt z.Zt. an der Leibniz Universität Hannover u.a. mit den Arbeitsschwerpunkten Politische Ökonomie der Globalisierung, gesellschaftliche Naturverhältnisse, gesellschaftliche Krisenentwicklungen, Soziale Bewegungen.

 

 

 

Nestbeschmutzerinnen. Thesen zu einer feministischen Islamkritik.

 

Vortrag und Diskussion mit Koschka Linkerhand

Mi, 04.12.2019

Raum: Kulturzentrum Baracke

Zeit: 19:00 Uhr

 

Eine feministische Kritik an Islam und Islamismus bewegt sich in einem hochexplosiven Spannungsfeld: Einer sich barbarisierenden deutschen Gesellschaft, deren Rassismus sich deutlich auf MuslimInnen fokussiert, steht eine breit aufgestellte Linke gegenüber, die Rassismus kritisiert, aber die frauenfeindlichen Missstände in muslimischen Ländern und Communitys nicht wahrhaben will und mit Sprechverboten und bedingungsloser Solidarität für die Unterdrückten operiert, gleich welchen Geistes Kind sie sind.

Innerhalb der Linken ist die antideutsche Kritik am Islam ebenso mangelhaft wie die queerfeministische. Die eine missachtet, dass mit den Kategorien der klassisch-aufklärerischen Kritik das Patriarchat nicht zu fassen ist; die andere verabsolutiert die Politik der Identität auf eine Weise, dass kein Raum für objektive Bestimmungen von Islam und Frausein im Islam bleibt. Im Vortrag möchte ich Thesen eines materialistischen Feminismus formulieren, der davon ausgeht, dass Feminismus wesentlich Identitätspolitik von Frauen ist, von dieser Warte aber auf eine universalistische Gesellschaftskritik abzielen muss, deren Gegenstand das kapitalistische Patriarchat in seinen muslimischen wie in seinen westlichen Ausprägungen ist.

Koschka Linkerhand ist freischaffende Autorin und schreibt u.a. für die feministische Zeitschrift "Outside the Box". 2018 erschien der von ihr herausgegebene Sammelband "Feministisch streiten - Texte zu Vernunft und Leidenschaft unter Frauen" im Querverlag.

 

 

 

Grundbegriffe der Ideologiekritik

 

Wochenendseminar mit Michael Städtler

Sa, 14.12.2019, 14:00 bis 20:00 Uhr und

So, 15.12.2019, 8:00 bis 13:00 Uhr

Raum: AStA der Uni Münster

 

Für den kritischen Begriff von Ideologie hat Adorno die Formulierung geprägt: „gesellschaftlich notwendiges falsches Bewusstsein“.
Mit dieser Formulierung sind einige erhebliche Probleme verbunden. Aus Sicht der Erkenntnistheorie kann das, was falsch ist, nicht notwendig sein. Wenn es aber Falsches gäbe, das gesellschaftlich notwendig wäre, dann müsste man erklären, warum es überhaupt als Falsches erkennbar ist, denn auch der Kritiker unterliegt ja den gesellschaftlichen Zwängen. Diese Problematik ist deshalb wichtig, weil sie über die Möglichkeit von Kritik und Veränderung entscheidet: Wie kann das Falsche so mächtig werden, dass alle gesellschaftlichen Handlungen davon abhängen? Und wie ist es möglich, aus dieser Abhängigkeit herauszufinden? Diese Fragen bestimmen das Thema des Workshops.

Der Gedanke, dass es Irrtümer gibt, die für das Handeln in der Gesellschaft gleichwohl universal vorausgesetzt sind, geht auf Marx zurück, der die Vorstellung, Waren hätten von Natur aus einen Wert, als Warenfetischismus bezeichnet. Damit deutet er an, dass im Kapitalismus die Menschen quasi religiös an bestimmte Vorstellungen gebunden sind. Vor allem über den Verdinglichungsbegriff von Georg Lukács – Relationen oder Vorstellungen wie Dinge zu behandeln – wird der Begriff an die kritische Theorie vermittelt, wo er unter dem Namen „Ideologie“ ein eigener Forschungsgegenstand wird.
In dem Workshop soll vor allem Adornos „Beitrag zur Ideologienlehre“ diskutiert, aber auch auf Marx und eventuell weitere Texte zurückgegangen werden.

Bitte meldet euch mit einer Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! für den Workshop an, damit wir euch die Texte zukommen lassen können.

 

 

 

Georg Elser in Deutschland

 

Buchvorstellung mit Matheus Hagedorny

Fr, 10.01.2020

Raum: H2, Schlossplatz 46

Zeit: 19:00 Uhr

 

Vom Feind der Volksgemeinschaft zum deutschen Helden in 80 Jahren: Georg Elser (1903-1945) wollte Adolf Hitler 1939 mit einer Bombe töten und scheiterte nur knapp. Nach langer Verleumdung setzt ihm die deutsche Gesellschaft ein Denkmal nach dem anderen. In Deutschland vergeht kein 8. November mehr ohne ausführliche Ehrung des Attentats auf Adolf Hitler im Jahr 1939. Bis zum Ende der Bonner Republik stand der proletarische Widerstandskämpfer aus dem schwäbischen Königsbronn im Schatten der Putschisten des 20. Juli 1944. Inzwischen scheint sich das Verhältnis umzukehren. Im Land erinnern mehr Denkmäler an Elser als an Stauffenberg. Die Spitzen des Nachfolgestaats des ›Dritten Reiches‹ sparen nicht mit Respektsbekundungen, wenn die Rede auf Elser kommt. In der Rezeptionsgeschichte des Bürgerbräu-Attentats zeigen sich die Leerstellen und Abgründe der deutschen "Aufarbeitung der Vergangenheit". Das Buch konzentriert sich auf den ideologischen Zusammenhang, in dem die Motive zur Tötung Hitlers reiften, und die daraus resultierenden Nachwirkungen auf die Wahrnehmung des Attentats während und nach der Zeit des Nationalsozialismus. Es geht der Frage nach, was das Andenken an den christlich und kommunistisch geprägten Attentäter in Deutschland über Jahrzehnte blockierte und warum der einsame Widerstandskämpfer heute kein Vorbild sein kann.

Matheus Hagedorny studierte Philosophie, Neuere Geschichte und Verfassungs-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Bonn und ist Autor des Buches "Georg Elser in Deutschland", das im November 2019 im ca ira-Verlag erscheint.

 

 

 

Nicht an Israels Seite, an seiner Stelle wollen sie sein. Der Antisemitismus und das veränderte Verhältnis von AfD und FPÖ zum jüdischen Staat

 

Vortrag und Diskussion mit Nikolai Schreiter

Do, 16.01.2020

Raum: H2, Schlossplatz 46

Zeit: 19:00 Uhr

 

Der Antisemitismus äußerte sich auch bei Funktionären von AfD und FPÖ bis vor wenigen Jahren im antizionistischen Ressentiment. Obwohl es nach wie vor weit verbreitet ist, sind die neuen Bekenntnisse zu Israel gerade aus diesen beiden Parteien heute nicht mehr zu überhören. Auch die parlamentarisch erfolgreiche extreme Rechte hat sich aber weder tatsächlich vom Antisemitismus abgewandt, noch ist die Hinwendung zu Israel ausschließlich strategisch. Deshalb stellt sich die Frage, wie diese ernst gemeinte proisraelische Positionierung vor dem Hintergrund des Antisemitismus zu erklären ist. Der Vortrag analysiert das neue Verhältnis von AfD und FPÖ zu Israel als Identifizierung mit Israel als imaginiertem Angreifer und zeigt, dass es ihnen nicht um den realen Staat, seine Bevölkerung und dessen reale Bedrohung geht, sondern sie sich selbst an die Stelle des schlagkräftigen Opfers setzen, das sie in Israel sehen.

Nikolai Schreiter lebt und arbeitet in München. Er ist unter anderem Autor von Nicht an der Seite, an der Stelle Israels wollen sie sein. AfD, FPÖ und die Identifizierung mit dem imaginierten Angreifer (2019) in Heft 14 der Zeitschrift sans phrase. Zeitschrift für Ideologiekritik.

 

 

 

Incels - Geschichte, Sprache, Ideologie eines Online-Kults

 

Vortrag und Diskussion mit Veronika Kracher im Rahmen des Salon Féministe

So, 23.02.2020

Ort: Kulturzentrum Baracke

 

"Incel" ist die Kurzform für "Involuntary Celebate" - unfreiwillig im Zölibat lebende. Männer, so die Incel-Ideologie, hätten ein angeborenes Recht auf Sex, der ihnen jedoch von Frauen verweigert wird. Dafür müssen Frauen verurteilt und bestraft werden. Wenn das Internet nicht mehr Ventil genug ist für den eigenen Frust ob der Bösartigkeit von "Femoids" oder der vermeintlichen Opferrolle, suchen es Incels im misogynen Terrorakt. Dieser Vortrag liefert einen feministischen und sozialpsychologischen Einblick in eine der wohl toxischten Subkulturen unserer Zeit.

Veronika Kracher studierte Soziologie und Literatur und arbeitet als freie Journalistin. Neben materialistisch-feministischer Gesellschafts- und Kulturtheorie arbeitet sie momentan vor allem zur Alt Right-Bewegung und zur neuen Rechten.